Still Leben

Exhibition
Participating Artist
Bettina Diel & Roberto Greco
Duration
Juni 27 - Juli 30 2015
Opening
Juni 27 2015 at 8.30

Stillleben, stilles Leben, lebt man still? – Ein Widerspruch in sich. Worin liegt die Faszination in der Kunst sorgfältig arrangierte „stille Gegenstände“ darzustellen? Ist es der empfindsame Genuss in ihnen fortwährend Details zu entdecken? Ist es das sehnsüchtig romantische Bedürfnis einer leichten Mel- ancholie, die in der Einfachheit der Dinge innewohnt und dabei die Harmonie des Seins verklärt? Ist es die Wendung vom zarten Aufblühen des Lebens zur verwelkten Vergänglichkeit? Der Begriff „Stillleben“ leitet sich vom niederländischen „still leven“ (stilles Leben) ab. Es mahnt den Betrachter, sterben zu müssen (memento mori). In den Stilleben des 17. Jahrhunderts wird über Symbole, wie faulendes Obst und Gemüse, welkende Blumen, herabgebrannte Kerzen und vieles mehr, auf die Nichtigkeit allen irdischen Strebens hingewiesen. Das Dargestellte deutet auf etwas nicht Sichtbares im Bild hin. Stillleben sind Sinnbilder, Rätsel und effektverbergende Suggestionen. Sowohl bei Bettina Diel (*1975) als auch bei Roberto Grecos (*1984) Arbeiten, sind diese dynamischen Eigenschaften und effektverbergenden Wirkungen spürbar. Beide wollen etwas hervorrufen, sicht- und spürbar machen, sich in ihren Vermutungen bestätigt wissen. Es verhält sich fast so, als ob sich eine sinnlich-nervöse Sensibilität für den Reiz, die Geste oder die Gebärde ausbildet.

In den installativen Arbeiten von Bettina Diel will durch die haptische Berührung den visuellen Reiz ihrer Vermutung bestätigt wissen. Sie schaut und beobachtet zweifelsohne durch ihre Hände. Womöglich mag es soweit gehen, dass ihr die Hände mehr verraten, als ihr die Augen anbieten. In jedem Etwas mag sich somit eine unbegrenzte Fülle an Symbolik und Interpretation verbergen. In Bettina Diels Arbeiten, wohnt ein starkes Verlangen inne, herauszubrechen. Eine noch verborgene Geste wird zurückgehalten, manipuliert und „still“ gelegt. Dennoch zeichnet sie klar ihre Absicht auf, flüchtig zu werden, die geordnete Ebene zurückzulassen, Aufmerksamkeit zu erlangen und die Vielfalt der Verwandlung zu preisen. Die Werte von Ordnung zerrinnen zu lassen und aus der Ruhe bestehender und fixangelegter Dinge neue Erfahrungen des Seins zu eröffnen. Den Ort des Gleichgewichts und der absoluten Stille bzw. Ruhe gibt es nicht. Die Bewegung ist der Veränderung gleichzusetzen und somit auch das allgemeinste Attribut des Daseins. Still Leben? Wer kann still Leben? Bedeutet Leben nicht immer Bewegung und Unstetigkeit? Auch die Stillleben von Roberto Greco, weisen in paradoxerweise eine lebhafte Dynamik auf. Man mag Stillleben als klischeehaft betrachten, die Geschichte aber, die sie von Ausbeutung, Eitelkeit, Gier, Zwang und Macht zu erzählen vermögen, hallt durch die Jahrhunderte und ist bemerkenswert aktuell. Roberto Greco, distanziert sich in seiner Umsetzung keineswegs von der traditionell, allegorischen Dimension alter Meister. Auch er schafft ein Übergangsmoment von Irritation, Suggestion und Täuschung. Er lenkt das Auge des Betrachters ab, indem er Details aufbläst und dadurch die Suche nach Sinn und Bedeutung förmlich zelebriert. Die auf den ersten Blick stereotypwirkenden Stillleben, brechen Traditionswerte des klassischen Stilllebens.

Bettina Diel und Roberto Greco widmen sich beide auf unterschiedlichste Art und Weise weltlicher Dinge und Handlungen. Dinge bedeuten die Welt. Es sind Begebenheiten, Handlungen, Geschichten, Gesten und können ein Attribut für Schutz und Geborgenheit sein. Sie können als Geschaffenes einen Raum des Vertrauens aufbauen, auch können sie Chiffre des Unbekannten werden, Annahmen ausprägen, in der Schwebe bleiben, in dem sie die geheimen Bezüge verbergen. Sie können uns also das menschlichst Nächste sein oder aber sich in das Unenträtselbare Unbekannte entziehen. Was sie aber sicherlich niemals sind, ist „still“.

Catrina Sonderegger, 2014