Reminding me that I am nothing more than a flash in time

Exhibition
Participating Artist
Brett Weir
Duration
Juni 07 - Juli 14 2018
Opening
Juni 07 2018 at 18.00 Uhr

Brett Weir: Mondbilder

Eine Reihe hoher Windturbinen halten Wache über Brett Weirs selbstgebautem Studiohaus in Walkerville. Beschäftigt mit der dynamischen und kontinuierlichen Energieübertragung von der Natur auf den Menschen, ist ihre Anwesenheit, im Vergleich zu Weir, hier nur nebensächlich. Und doch erlauben sie eine Art Einblick in die Mechanik von Weirs Bildern, denn sie fungieren als Netze, die die kosmische Energie des Universums fangen, absorbieren und dann langsam in einem schimmernden Schein reiner Elektrizität wieder freisetzen. Wenn wir vor Weirs Bildern stehen, spüren wir die Wärme dieser Strahlung – eine fühlbare und fassbare Energie, die durch die Oberfläche jedes Panels sickert.

Weirs Bilder beziehen sich gelegentlich auf Gemälde anderer – zum Beispiel, Gerhard Richters Abstracts oder James McNeill Whistlers Nocturnes – und rufen die gleiche Suche nach Repräsentation reduziert auf das Essentielle hervor, trotzdem ist Weirs Vision einzigartig und aussergewöhnlich. In seinen Bildern können wir eine Welt der Träume, der Sehnsüchte und der Wünsche finden, die durch eine innere Quelle erleuchtet wird. Dass jedes von Weirs Gemälden genau die Proportionen einer Türöffnung hat, ist kein Zufall. Jedes Panel ist eine Öffnung zu einer anderen Ebene. Für Weir ist die Tür kein vages philosophisches Konzept, sondern eine tatsächliche, physische Öffnung in eine andere Welt. Die flackernden Lichter und Mondnebel, die durch diese Öffnungen driften, sind nur ein Mikrokosmos eines grösseren Universums. Die Bilder als „abstrakt“ abzutun wäre völlig am Thema vorbeigeredet, denn sie sind buchstäbliche und genaue Darstellungen eines sehr realen Phänomens, das für das menschliche Auge eben unsichtbar ist. Ein Phänomen, das durch die Seele und nicht durch die Netzhaut wahrgenommen wird – Weir wird zum Seher, der uns in und durch diesen Ort führt.

Ein Akt des kosmologischen Zufalls war, dass Weir Walkerville als Standort für sein Studiohaus wählte. Hier, auf den windgepeitschten Ebenen, die zwischen Waratah und Venus Bays an der Gippsland-Küste hervorragen, erfand Fred Williams 1971 die australische Landschaftstradition neu. Williams suchte nach einem neuen Weg das Gefühl der Unendlichkeit auszudrücken, nachdem er 1960 schon eine gemeinsame Sprache zwischen traditioneller Gummibaumlandschaft und Abstraktion gefunden hatte. Der gleiche Austausch zwischen Landschaft und non-figurativer Kunst liegt den neueren Bildern Weirs zugrunde. Sie sind „lunar“, weil sie von den kosmischen Kräften und Energien sprechen, die das Universum verbinden. Wir spüren das Gleichgewicht und die Harmonie, die mit der Erde, der Sonne und dem Mond zusammenspielen und dem Planeten Leben geben. Weir spricht von seiner Arbeit als „etwas, das an die Vergänglichkeit persönlicher Erfahrungen, den Lauf der Zeit und die sich immer verändernde Beziehung zwischen einem selbst und der eigenen Vergangenheit erinnert“. Dabei beziehen sich die Bilder auf seine eigenen Erfahrungen, um sich dadurch mit einer kollektiven Erfahrung aller Erdbewohner auseinanderzusetzen. Durch das Entfernen aller offensichtlicher Sujets werden die Bilder zu Eingängen zu anderen Ebenen – und Spiegel unserer eigenen Seele.

Weir arbeitet intuitiv, er konstruiert jedes Bild wie „ein Teil der Natur“. Es entsteht eine Spannung, in der die Beziehung zwischen Maler und Gemälde zum Kampf wird. Für Weir, der sich als figurativer Künstler etabliert hat, erforderte es viel Mut Bilder zu veröffentlichen, die eine erkennbare Bildsprache aufweisen. Es braucht eine gewisse Prise von jenem Selbstvertrauen, welches sich mit einer möglichen Niederlage schon versöhnt hat. Seine neuesten Gemälde können nicht so beurteilt oder mit denselben Massstäben verglichen werden wie traditionelle Kunst. Ihr Erfolg oder ihr Versagen ist von einer anderen Palette Kriterien abhängig, die nicht so einfach ausformuliert werden können. Sie müssen gefühlt werden.

Es bedarf eines höheren künstlerischen Bewusstseins, um diese Bilder zu erschaffen und sie zu begreifen, wir müssen dafür unsere Erwartungen an das, was ein Bild sein soll, loslassen. Die einfachste Weise das Gefühl zu beschreiben, welches einen ergreift, wenn man ein Brett Weir Gemälde betrachtet, ist es als eine Art Geräusch zu bezeichnen. Musik, als eine rein abstrakte, non-relationale, selbstregierende organische Kunstform folgt weitgehend den gleichen Regeln wie non-figurative Malerei. Wir müssen lernen nicht mit unserem Geist, sondern mit unserem Herzen zu sehen. Indem wir unsere eigenen Schaltkreise neu verkabeln, öffnen wir die Tür zu einem neuen Universum des Verstehens.

Die Welt, wie sie uns von Weir präsentiert wird, setzt sich ausschliesslich aus Farbe zusammen–oder etwa nicht? Die Farbe ist gleichzeitig das Mittel, um Empfindung und Gefühl hervorzurufen und selbst das Subjekt. Er ahmt dabei Whistler nach, der uns auf die Materialität der Farbe aufmerksam gemacht hat, ohne es dabei zu versäumen reale Erfahrungen zu beschreiben. Je länger wir den nichtgegenständlichen Raum betrachten, desto mehr sehen wir. Bald, wird das, was einmal totale Leere war, so zugepackt mit Information, dass wir wegschauen müssen. In einer Hinsicht könnte das eine Art weisses Rauschen sein – das konstante Geräusch atmosphärischer Störungen, das unser tägliches Leben begleitet. Meistens außerhalb unseres Blickfelds, bringt Weir es in den Vordergrund und blendet uns mit seinem Glanz. Dabei akzentuieren seine Bilder Phänomene an der Schwelle des Bewusstseins. Er ist eingestellt auf den Klang des Lebens in seiner subtilsten Frequenz. Die amöbenhaften Konglomerate aus Farbe scheinen buchstäblich mit den unsichtbaren elektromagnetischen Wellen zu korrespondieren, die durch das Universum pulsieren. Wir könnten durch ein Teleskop oder ein Mikroskop schauen; das ist die ungefilterte Energie des Lebens von einer ansonsten unerreichbaren Ebene – die Materie, aus der wir alle zusammengesetzt sind.

Weirs Bilder haben ein starkes Interesse an Wissenschaft und Metaphysik – zwei scheinbar gegensätzliche Gebiete. Sie sind insofern wissenschaftlich im Hinblick auf die Erforschung von Materie; die Qualität der Farbe durch die Wechselwirkung von Chemikalien, von Substanz und Farbe. Weir arbeitet methodisch nach einem selbst erarbeiteten Prozess, der an einen Wissenschaftler bei der Arbeit in seinem Labor erinnert. Zugleich, untersucht er Phänomene ausserhalb der realen Welt. Dadurch, dass er diese beiden Bereiche in Einklang bringt, könnte man ihn als „Metaphysiker“ betrachten. Er besitzt das alchemistische Gesetzbuch, um das Alltägliche in etwas Aussergewöhnliches zu verwandeln. Ölfarbe mit Pinseln, Gummischaber oder anderen Werkzeugen auf Aluminiumplatten aufgetragen wird zum Medium, durch das wir Einlass in andere Welten erhalten.

Richter erinnert uns daran, dass „[Malerei] vor allem etwas unbegreifliches haben muss, etwas auf einer höheren Ebene … Kunst ist das ideale Medium, um mit dem Transzendenten in Kontakt zu treten oder sich ihm zumindest zu nähern.“ Weir entspricht Richters Bedingung – vielleicht sogar zu einem grösseren Ausmass als es der Deutsche je tat – da er uns an Plätze führt, die wir uns nur erträumen können, und doch schmerzhaft bekannt vorkommen. Wir spüren den Fluss der Zeit und die Gegenwart der Unsterblichkeit. Wir sind gefangen in einem permanenten Fluss zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne zu wissen, in welche Richtung vorwärts ist und doch in ständiger Bewegung. Die Welt wie wir sie verstehen verliert sich in einer Unschärfe, ihre Details verschwinden in Kometenschweifen, deren Destinationen noch unbekannt sind. Beim Betreten der Umgebung von Brett Weirs Gemälden müssen wir uns einem höheren Bewusstsein unterwerfen. Ihr Ausmass ist jenseits jeglicher Berechnung und dennoch erkennen wir vertraute Anhaltspunkte. Durch die Begegnung mit dieser lunaren Logik, begreifen wir eine neue kosmologische Sensibilität, die einerseits die grössten Geheimnisse des Lebens ausleuchtet und andererseits auch das am schwersten fassbare – nämlich, die menschliche Seele.

Text: Simon Gregg
Übersetzung: Olivia Sacher